Donnerstag, 23. Februar 2017

Über Maos mordende Mädchen

"Links"tickende Menschen (nach der Definitition von VOR der kommenden, neuen Zeitrechnung) sind total verdorben und in der jüngeren Geschichte für Abermillionen Tote durch Kriege und Revolutionen bis zu heutigen Tag verantwortlich. 


Dienstag, 2. September 2014


Maos mordende Mädchen


Man sollte sich diese Fotos von den jungen ukrainischen Mädchen ganz genau anschauen. Unsere, eigentlich überperverse, aber total überhebliche Gesellschaft gibt sich ständig so, als habe sie aus der Geschichte gelernt, jedoch sie betrügt sich nur selber. Darum Vorsicht, wer sich selbst belügt, belügt auch andere. Man müsste ihr eigentlich zugute halten, sie merkt es gar nicht, was aber kein Trost für alle Leidtragenden ist (die es merken). Diese kommen sich nämlich - und das kann ich aus vollem Herzen bestätigen, wie in einer Art Vorhölle vor.

Und hier der Anfang eines eindrucksvollen Artikels der Baseler Zeitung über die chinesische Kulturrtevolution:

Maos mordende Mädchen

Kai Strittmatter, Peking. Aktualisiert am 21.08.2014 43 Kommentare
Am 5. August 1966 begann mit dem Tod einer Schuldirektorin die chinesische Kulturrevolution. Vier junge Schülerinnen haben sie zu Tode geprügelt – der Auftakt zu einer beispiellosen Orgie der Gewalt.
1/4Mao Zedong, der Grosse Vorsitzende, mit einer Rotgardistin der Kulturrevolution. Foto: Keystone
Es ist kein gewöhnlicher Tag. Es ist der Tag, an dem Mao Zedong die Jugend des Landes in den kollektiven Irrsinn entlässt. «Bombardiert die Hauptquartiere», ruft er ihnen zu. Es ist der Tag, an dem Bian Zhongyun, Schuldirektorin, Mutter von vier Kindern, von ihren Schülerinnen zu Tode geprügelt wird.
Es ist der 5. August 1966.
Es gibt eine Leiche. Tatwaffen: hölzerne Tischbeine, mit Nägeln versetzt. Es gibt Täter. Täter, die bis heute unerkannt leben. Einen Kläger gibt es auch, aber kein Gericht, das sich seiner Klage annähme. Wer forscht, wer wühlt, wer gibt keine Ruhe? Der Ehemann, Wang Jingyao, nun ein Greis, noch immer besessen von jenem Mord, der seither sein Leben bestimmt. Und es gibt einen Zirkel älterer Pekinger Damen, Rentnerinnen die meisten, getrieben von jenem Tod vor fast einem halben Jahrhundert, der ihr Leben in einem anderen Licht ­erscheinen lässt.
Der Fall Bian Zhongyun könnte ein Kriminalfall sein. Aber er ist keiner. Er ist mehr. Er ist der Schlüssel zu einem finsteren Kapitel in der Geschichte der Volksrepublik China. Und deshalb gibt es Mächte, die kein Interesse an Aufklärung haben. Diejenigen, die in der Vergangenheit graben, sind nur ein Häuflein. Und selbst quer durch dieses Häuflein hat der Mord Fronten gezogen. Da ist der Ehemann, Wang Jingyao. «Ich hab ihr immer nachgeschaut, aus diesem Fenster», sagt er 2006 in einem Film, der ihn in seiner alten Wohnung zeigt: «Wenn sie ging, begleitete mein Blick sie in ihr Büro. Wenn sie zurückkam, war ich glücklich. Nach jenem Tag, nach ­ihrem Tod, starrte ich weiter aus dem Fenster. Jeden Tag.»
Inzwischen ist Wang umgezogen, die neue Wohnung verlässt er kaum noch. «Die Wahrheit muss ans Licht», sagt er: «Sonst habe ich umsonst gelebt.» Er spricht von dem Kreuz, das er trage, von der Verantwortung. Nicht nur für seine Familie. «Es ist ein Kampf für die Kinder», sagt er: «Die Kinder unserer Nation. Sie sind wieder so naiv, so leicht zu verführen.» Wang ist 93 Jahre alt, manchmal lassen ihn die Worte im Stich. «Es ist ein Kampf gegen das Vergessen.»
Es war ihre Revolution
In einem Teehaus, in der Nähe des Lama­tempels, da, wo das alte Peking so tut, als sei es wieder ganz bei sich, tragen an diesem Vormittag vier Frauen ihre Erinnerungen zusammen. Aus der Ferne wirken sie wie vier reizende ältere Damen beim Teeklatsch. Die Beamtin, die Betriebsleiterin, die Juraprofessorin und die Ärztin. Liu Jin, die Älteste, war damals 20, Li Hongyun, die Jüngste, war 14. Es gibt Pu-Erh-Tee in kleinen Porzellanschälchen. Meditative Flötentöne vom Band. Sie waren dabei, damals. Es war ihre Schule, es war ihre Rektorin, die ermordet wurde. Es war ihre Revolution. «Es war unsere Chance, es unseren Eltern gleichzutun, die mit Mao China befreit hatten. Wir glühten.» Liu Jin sagt das, grauer Bürstenschnitt, randlose Brille, sie federt auf und ab beim Erzählen. Liu Jin ist die Älteste, sie führt das Wort, noch immer, wie damals, als sie die Vorsitzende der Schülervertretung war. Eine Rotgardistin, die Speerspitze der Revolution.
War es ihre Schuld?
Sie hätten nicht zu denen gehört, die zugeschlagen hätten, sagen sie. Sie haben dennoch um Entschuldigung gebeten. Sie haben eine Büste ihrer ehemaligen Rektorin anfertigen lassen und sich davor verbeugt. Anfang dieses Jahres. Sie luden Fotografen ein. China soll sich endlich erinnern. «Was aus uns wurde damals.»
Stoss in die Barbarei
«Wilde Tiere.» Wang Jingyao sagt das, der Ehemann. Er hat die Zeitung auf dem Küchentisch liegen, beugt sich vor, tippt mit dem Finger die Gesichter der sich Verbeugenden ab. «Ha!», sagt er. «Liu Jin! Die Schlimmste! Eine grosse Verbrecherin. Sie alle wurden von Mao verführt und vergiftet. Aber das soll eine Entschuldigung sein? Eine Show ist das.» Er kann nicht verzeihen. Als Historiker hat Wang Jingyao gearbeitet. ­Geschichte des modernen China. Seine Leidenschaft galt früh einem Chronistentum anderer Art: Wang war passionierter Fotograf. Er kramt alte Schwarzweissbilder hervor. Die Leiche seiner Frau. Die vier Kinder, wie sie nebeneinander aufgereiht vor dem Leichnam stehen. Der Rauch aus dem Kamin des Krematoriums. «Ich wollte alles festhalten. Die wahre Geschichte.»
Es war der erste Mord der Kulturrevolution. Der Akt, der die Schleusen öffnete für eine Orgie der Gewalt. Lehrer wurden erschlagen im Namen der Revolution, Professoren ersäuft zum Lobpreis Mao Zedongs. Es war die Tat, der Tausende, Hunderttausende, Millionen folgen sollten. Und was für eine Tat es war. Die Tote war Schuldirektorin. Die Mörder waren junge Mädchen, ihre Schülerinnen. Sie liessen ihre Direktorin nicht einfach nur sterben, sie folterten und demütigten sie tagelang. Der Tatort war eine der besten Schulen des Landes.
Die zehn Jahre währende Kulturrevolution war ein diabolischer Schachzug Mao Zedongs, den die Parteigenossen nach seinem irrsinnigen Experiment des «Grossen Sprungs» (1958 bis 1961), nach 30 bis 40 Millionen Hungertoten, zur Seite gedrängt hatten. Mithilfe der Kinder holte er sich die Macht zurück. Sie waren vom Grossen Vorsitzenden auserkoren worden, die Revolution zu schützen, gegen seine Feinde in der Partei, im Volk. Gegen ihre Lehrer, ihre Eltern. Mao, der Messias. Dass er dafür mindestens zwei Generationen das Rückgrat brach und sein Land in die Barbarei stiess, eine Barbarei, von der sich China bis heute nicht erholt hat, nahm er in Kauf. Die Jugend folgte ihm.
«Du hündische Tyrannin»
Die Schuldirektorin Bian Zhongyun war 50 Jahre alt, als ihre Schülerinnen sie ermordeten. Eine Bauerntochter, Kommunistin der ersten Stunde. Warum sie plötzlich eine «Konterrevolutionärin» sein sollte, wer wusste das? Es ging halt gegen die Autoritäten, das reichte. Im Juni hatte die Partei den Unterricht an allen Schulen und Hochschulen eingestellt, studiert werden mussten nur noch die Ideen Mao Zedongs. Die Jugend berauschte sich an ihrer neuen Mission.
Am 23. Juni fand die erste Kritik­sitzung statt gegen Bian. [Weiterlesen - hier klicken]

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